vor Ort sein

Neutralität

Finanzierung

 

vor Ort sein

Der klassische Weg einen Dokumentarfilm zu produzieren sieht eine klare Reihenfolge vor: Thema finden, Finanzmittel akquirieren, Drehaufnahmen und Nachbearbeitung. „Heimat auf Zeit“ konnte diesen Weg jedoch nicht gehen, denn hier schritten die Ereignisse zu schnell voran, als dass lange Wartezeiten tolerierbar gewesen wären. Persönliche Kontakte wurden geknüpft, täglich die Nachrichten nach relevanten Entwicklungen durchsucht und sehr viel telefoniert. Wurde irgendwo eine wichtige Entscheidung getroffen, waren wir mit unserer Kamera zur Stelle. Fand ein Dorffest statt, so waren wir ebenfalls vor Ort und musste ein wichtiger Interviewpartner einen Termin verschieben, so passten wir uns an. Selbst wenn es nur darum ging, einen Sandsturm im Tagebau filmisch festzuhalten, wurde mitunter binnen Minuten die Ausrüstung gepackt und die zwei Autostunden von Berlin bis in die Lausitz in Kauf genommen. Dadurch konnte der Film das hohe Maß an Authentizität erreichen, wie es nur das Leben selbst schreiben kann. Natürlich unterliegen terminlich festgesetzte Interviews einer gewissen Inszenierung. Jedoch wenn es über die Informationen hinaus darum ging die Menschen hinter den Meinungen zu zeigen, so ist keine einzige Sequenz in diesem Film künstlich herbeigeführt oder delegiert worden.

 

Diese Herangehensweise hat natürlich auch seine bekannten Schattenseiten. Der Aufwand wird enorm hoch und jeder Dreh ist verstärkt vom Zufall abhängig. Viel Material fällt an, von dem man noch nicht weiß, ob es je seinen Weg in den fertigen Film finden wird. Jedoch zeigt auch dies, wie sehr das Thema Braunkohle in unser Leben greift, auch wenn die Wenigsten dies bewusst wahrnehmen. Der gesamte Prozess der Dreharbeiten stellte somit für das Team eine Entdeckungs- und Lernreise dar, welche es auf diesem Wege mit dem Zuschauer teilen möchte.

 

 

Neutralität

Beginnt man in die Thematik einzutauchen, stellt man schnell das hohe Konfliktpotential fest. Von politischen und wirtschaftlichen Spitzen bis zum Bergarbeiter oder Landwirt sind die Meinungen seit vielen Jahren festgefahren und reiben sich stetig aneinander. Sowohl die Bewahrung der Heimat Weniger, als auch das Streben nach Wohlstand Vieler, haben im Kern ihre Berechtigungen. Damit der Zuschauer den Lernprozess der Filmcrew nacherleben kann war es wichtig, jede Seite zu Wort kommen zu lassen. Wo Spannungen herrschen, herrscht oft auch Misstrauen, welches nicht selten aus schlechten Erfahrungen mit den verschiedenen Medien herrührt. Daher mussten wir zeigen, dass wir weder auf der Seite der Kohlegegner, noch auf der Seite der Kohlebefürworter standen – so wie es für jemanden sein sollte, der noch nie etwas von Abbaggerung, Grundlastversorgung und CO2-Zertifikaten gehört hat. Somit wurden teils angebotene finanzielle Spenden von Umweltverbänden, Industriezweigen und Ministerien der Landesregierung dankend abgelehnt. Auch wenn dies keinen Einfluss auf die filmische Gestaltung gehabt hätte, so hätte dies doch die Glaubwürdigkeit des Films oberflächlich in Frage gestellt.

 

 

Finanzierung

Der höchste Preis den „Heimat auf Zeit“ für den Luxus von Authentizität und Neutralität zahlen musste, war zweifelsohne die Finanzierung. Wir begannen in das Leben der drei Gemeinden zu treten, als das Rauschen im Blätterwald gerade wieder etwas ruhiger wurde und auch nicht mehr jeden Tag Fernseh- und Radioreporter die Straßen bevölkerten. Von einigen Menschen hieß es dann nur „Noch eine Kamera? Nicht schon wieder!“. Erst das Versprechen, vollkommen unabhängig und ohne Mitbestimmung durch Fernsehsender zu arbeiten, begann langsam die Türen zu öffnen. In Deutschland sieht das Reglement für eine Vergabe von staatlichen Filmfördermitteln jedoch ausdrücklich eine Mitarbeit von Sendern vor, ganz gleich ob es sich um einen Kino- oder TV-Film handelt. Auch Art und Bedeutung des Themas spielen dabei keine Rolle. Weite Strecken haben wir zurückgelegt und endlose Briefe geschrieben, aber diese bürokratische Hürde konnten wir nicht nehmen.

Das zweite große Verhängnis war der Anspruch das JETZT zu bewahren und nicht das, was eventuell noch kommen mag. Dadurch zählt ein Projekt als „begonnen“ und schließ somit das Förderung durch große Stiftungen in Deutschland aus.

Über den gesamten Drehzeitraum haben wir versucht, finanzielle Mittel zu generieren. Leider ohne Erfolg, denn auch wenn stets das Interesse groß war, standen uns stets Regeln im Wege, die ein zeitnahes und unabhängiges Arbeiten unmöglich zu machen scheinen.

Wie wurden dann all die Fahrten, die Technikleihe und was noch so dazu gehört bezahlt? Fast ausschließlich durch Eigenmittel bzw. eine Kooperation mit dem Technikverleih 25p cine support Berlin. Das Team konnte mit mehr oder minder flexiblen Nebenjobs das eigene Grundeinkommen sichern. Es ist jedoch an dieser Stelle ausdrücklich niemandem zu raten, diesen Weg zu gehen. Ehrgeiz allein macht euch nicht satt und vom Schulterklopfen allein hat noch niemand seine Miete bezahlt.

 

 

Gewissheit