Eine der häufigsten Diskussionen wird um den Begriff der Vertreibung geführt. Dieser Begriff ist vor allem in Deutschland insbesondere im deutsch-polnischen Raum der Niederlausitz, stark geschichtlich aufgeladen. Eine Umsiedlung nach heutigen Maßstäben ist zweifelsohne nicht mit einer Vertreibung zu Zeiten von Krieg und Verfolgung zu vergleichen. Dennoch ist dieses Verlassen der Heimat auch heute nicht freiwillig und wird in letzter Instanz auch mit staatlicher Gewalt vollstreckt. Welche Vokabularisierung dafür gewählt wird, ist jedem selbst überlassen.

Die Entschädigungspolitik ist zwar deutschlandweit verschieden, steht aber dennoch zu keinem Verhältnis mehr wie noch vor einigen Jahren zu Zeiten des geteilten Deutschland. Vor allem in der ehemaligen DDR waren die Rechtsmittel bedeutungslos und als Ausgleich für den enteigneten Familienhof gab es oft nur eine Plattenbauwohnung. Heutzutage wird nach Zeit- bzw. Neuwert entschädigt. Speziell in der Lausitz wurde von Vattenfall der sog. „Lausitzer Weg“ ins Leben gerufen. Dieser sieht eine „sozialverträgliche Umsiedlung“ vor, welche auf zwei Grundpfeilern basiert: Erhalt der Lebensqualität im alten Dorf bis zur Umsiedlung + Umsiedlung ohne neue Schulden. Allem voran steht der Dialog. Dieser wird von Seiten des Bergbaubetreibers jedoch selten über das „Ob“ einer Umsiedlung, sondern nur über das „Wie“ geführt.

In den letzten Jahren hat es sich durchgesetzt, ein Dorf wenn möglich vollständig umzusiedeln. Jeder See, jeder Spielplatz und jede Feuerwache wird ersetzt. Was nicht ersetzt werden kann, sind alte, natürlich gewachsene Bäume und Dorfstrukturen. Kirchen werden in der Regel gesprengt und die Friedhöfe zu einem gewissen Teil umgebettet. Es sei hier angemerkt, dass heutzutage bei der Umbettung der Toten mit viel Respekt vorgegangen wird. Dies mag zynisch klingen, denn der größte Respekt wäre zweifelsohne die Wahrung der letzten Ruhe.

Fällt für ein Dorf die Entscheidung der geplanten Abbaggerung, sitzt der Schock im ersten Moment tief und von Aktionismus bis Lethargie versuchen die Menschen auf die neue Situation zu reagieren. Fast jedes Dorf in der Geschichte des Bergbaus entschloss sich zunächst für den Kampf. Dieser Kampf dauert teilweise über 20 Jahre. Die Zeitspanne für die in „Heimat auf Zeit“ begleiteten Gemeinden, liegt teilweise deutlich darunter. Die Bewohner müssen nun mitunter zu rhetorisch sicheren Politikern werden um den Widerstand zu organisieren. Dies alles muss neben Familie und Beruf geschehen. Vor allem in einem Umfeld, in welchem man als aktuell Betroffener seit Jahrzehnten Dorf um Dorf hat fallen sehen, gibt es auch Stimmen die den Kampf von vornherein ablehnen, um sich die Jahre der Belastung zu ersparen. Auch gibt es Fälle, in denen eine Umsiedlung als willkommen angenommen wird, so zum Beispiel, wenn ein großer Hof aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr bewirtschaftet werden kann. Die breite Masse lehnt ein Verlassen der Heimat jedoch ab. Auch wenn das Umfeld in Einzelfällen mit Neid über die nahende großzügige Entschädigung reagiert, muss sich immer vor Augen gehalten werden, dass die Bewohner solcher Dörfer nicht umgesiedelt werden wollen da sie etwas verlieren würden, dass kein Geld der Welt ersetzen kann. Oft wird nach einer abgeschlossenen Umsiedlung der Verlust des Dorf- und Vereinslebens beklagt, obwohl materiell alle Strukturen mehr als ausreichend geschaffen wurden. In einem Gespräch mit dem Pfarrer einer der drei begleiteten Gemeinden fand dieser eine sehr treffende Erklärung dafür: „die Seele ist nicht mit umgezogen“.

Es ist an dieser Stelle noch einmal wichtig zu erwähnen, dass eine Umsiedlung für die Gewinnung und Stromerzeugung aus Kohle geschieht – also für etwas, das der Allgemeinheit zu Gute kommen soll. Somit darf ein einzelnes Unternehmen dafür nicht an den Pranger gestellt werden. Das Bergbauunternehmen stellt zwar den Antrag, aber bewilligen tut diesen das jeweilige Bundesland unter Anwendung bundesdeutschen Rechts einer von der Allgemeinheit gewählten Legislative.

Wären wir also heute in der Lage auf Umsiedlungen zu verzichten, wenn nur genügend Druck auf eine aktuelle Regierung oder auf Bergbaukonzerne ausgeübt werden würde? Nein. Die Frage ist aber, ob wir es in naher Zukunft sein könnten?